Wolfgang Sauer

 

geboren am 2. Januar 1928

 

 

Zur Person

 

 

 

 

Wenn der Name Wolfgang Sauer fällt, dann ist meistens gleich das Wort „blind“ mit dabei. Und sicherlich kann man dieses Faktum auch nicht ignorieren. Durch das Blindsein wurden Weichen gestellt für das ganze Leben. Daher muss auch im folgenden Text darauf eingegangen werden. Aber Wolfgang Sauer ist eben nicht nur blind. Er ist eben auch Sänger (ein sehr guter sogar) und auch Pianist und gelegentlicher Komponist – Musiker eben. Wenn über den Musiker Wolfgang Sauer geredet wird, dann wird oft seine Liebe zum Jazz erwähnt – manchmal mit der unterschwelligen Kritik, dass sich so einer an den schnöden Schlager verkauft habe. Ganz klar: Wolfgang Sauer befand sich in der Situation, dass sich seine größten kommerziellen Erfolge auf dem Gebiet des Schlagers abspielten, seine große musikalische Liebe galt jedoch dem Jazz. Damit befand er sich durchaus in einer ganz ähnlichen Situation wie etliche andere Kollegen seiner Generation.

 

Wolfgang Sauer selbst wird zu diesem Thema in einem sehr ausführlichen Bericht in der Zeitschrift „Revue“ Nr. 50/1954 wie folgt zitiert:

„Schlager habe ich gern, aber Jazz fasziniert mich. Schlager sind meine Erholung, nicht meine Flucht vom Denken, weil ich als Blinder so viel philosophiere. Sie sind herrlich unkompliziert, und das ist eine Wohltat in einer verflucht komplizierten Welt. Aber der Jazz gibt mir das, was der Schlager nicht gibt.“

Und noch einmal speziell zum Jazz: „Dämmert Ihnen jetzt, was Jazz ist und einem bedeuten kann? Alle andere Musik ist unabänderlich vom Komponisten festgelegt. Der Jazz nicht. Er hat sein Leitmotiv, aber im übrigen läßt er dem Musiker Freiheit. Jazz ist die Musik der einfallsreichen Improvisation und individuellen Ausdrucksstärke. Er ist Ausdruck eines elementaren Lebensgefühls, die einzige Musik, die den reproduzierenden Künstler wirklich produktiv zu sein erlaubt, weil er seine musikalische Inspiration verwirklichen kann. Darum liebe ich ihn.“

 

Letztlich ist es eine fruchtlose Sache, will man beide Musikformen gegeneinander ausspielen (zumal es ja auch keine klare Grenzlinie gibt). Tatsächlich sollte man sich darüber freuen (und nur das!), dass wir Sänger haben, die über ein großes musikalisches Spektrum verfügen und uns mit herrlichen Aufnahmen aus allen Segmenten erfreuen.

 

 

Wolfgang Sauer kam am 2. Januar 1928 in Wuppertal zur Welt. Seine Eltern betrieben ein Elektro- und –Installationsgeschäft, in dem natürlich auch Rundfunkgeräte verkauft wurden. Die Familie wohnte in der Liebigstraße 37 im Wuppertaler Stadtteil Barmen. Nach wenigen Monaten wurde schon offensichtlich, dass der kleine Wolfgang an einer Augenkrankheit litt, da ihm - besonders bei Sonnenschein - ständig die Augen tränten. Der untersuchende Augenarzt diagnostizierte „Juvenil glaukom“ – Jugendlicher Grüner Star. Der Arzt riet zu einer sofortigen Operation, die aber nicht das gewünschte Ergebnis brachte. Es gab keine Verbesserung. Eine nochmalige Operation wurde angesprochen, doch die hätte sehr viel Geld verschlungen (das die Eltern wegen schlecht gehender Geschäfte nicht hatten), und die eben auch nur ein weiterer Versuch gewesen wäre. Im Gegenteil: Nachdem die Eltern den Sohn diversen Ärzten in diversen Städten vorgestellt hatten, aber wenig konkretes zu hören bekamen, äußerte sich Professor Zylly in Münster klar negativ hinsichtlich der ärztlichen Möglichkeiten und empfahl den Eltern für eine gute Ausbildung des Sohnes zu sorgen. Dies war einerseits niederschmetternd, andererseits schaffte es aber Klarheit.

 

 

 

Da im elterlichen Laden bzw. in der Werkstatt Radioapparate verkauft und repariert wurden, war dort häufig Musik zu hören, was den jungen Wolfgang schon als kleines Kind faszinierte. Er hielt sich häufig dort auf und lauschte der Musik. Überdies gab es bei Familie Sauer ein Klavier, und Wolfgang klimperte – ohne Anleitung – auf den Tasten herum, um die gehörten Musikstücke zu wiederholen. Eines Tages – Wolfgang war erst vier Jahre alt – hörte ihn sein Onkel, ein Musikpädagoge. Doch Wolfgang spielte kein Kinderlied sondern – ziemlich fehlerfrei - immerhin Jacques Offenbachs berühmte „Barcarole“. Der Onkel erkannte sofort die außergewöhnliche Begabung und empfahl den Eltern, für eine fundierte musikalische Ausbildung zu sorgen.

 

 

Wolfgangs Augenleiden verschlimmerte sich immer mehr, er sah immer schlechter. Dazu kam, dass er - ausgehend von dem zu hohen Augendruck - oft Kopfschmerzen hatte, was ihn nicht gerade ausgeglichener machte. Außerdem hatte der junge Wolfgang wohl auch einen Hang zur Altklugheit. Andererseits hasste er das ihm gegenüber immer wieder bekundete mitleidige Gehabe. Seine vier Jahre ältere Schwester jedoch war ihm ein unverzichtbares Medium zur Entdeckung seiner Umwelt. Sie führte ihn, erzählte, was er nicht mehr sehen konnte, und Wolfgang saugte alles in sich auf.

 

Als dann die Einschulung anstand, hätte Wolfgang eigentlich auf eine Blindenschule gemusst. Das behagte ihm aber überhaupt nicht. Die Eltern setzten sich bei den Behörden nachhaltig für ihren Sohn ein und erreichten schließlich auch eine Ausnahmegenehmigung. So kam es, dass Wolfgang eine Art gesplitteten Unterricht erhält. An zwei Tagen bekam er blindenspezifischen Unterricht, an vier Tagen ging er auf eine normale Schule mit sehenden Schülern.

 

Allerdings wurde die Situation aufgrund des weiteren Verlustes des Augenlichts immer problematischer. Mit zwölf Jahren gab es keine Alternative mehr. Für seine weitere Ausbildung in einer Oberschule musste er in eine Blindenanstalt. Das einzige entsprechende Institut Deutschlands befand sich im hessischen Marburg. Wolfgang willigte schließlich auch ein. Doch nach kurzer Zeit ereignete sich ein Unfall. Wolfgang, der eilig unterwegs war, fiel über einen sogenannten Verdunklungsrahmen (es war ja Kriegszeit) und schlug mit dem Kopf auf. Dabei wurde wurden seine Augen verletzt und er büßte seine noch vorhandene Restsehkraft ein. Das Beispiel eines im Krankenhaus neben ihm liegenden Kriegsblinden, der erfahren musste, dass sich seine Frau von ihm trennte, und der dann resignierte, setzte auch ihm zu. Er versuchte zunächst sich einzureden, dass noch etwas Helligkeitsempfindlichkeit übrig geblieben sei. Als er aber mal vermeintlich das Licht im Zimmer anmachen wollte, sich seine Mitbewohner aber dann über den Trottel beschwerden, der das Licht ausgemacht hatte, wusste Wolfgang, dass er die Realität anerkennen musste. Seine neue Situation führte ihn zunächst durch eine depressive Phase, aber nach und nach erkannte er, dass er etwas aus sich machen musste.

 

 

Er überstand den Krieg und machte 1946 sein Abitur. Danach begann er ein Studium der Anglistik und Germanistik. Dabei half ihm eine junge Dame, die auch schon während des Kriegs in der Blindenbetreuung gearbeitet hatte. Sie hieß Gisela Pink und las Wolfgang alles vor, was er einerseits wissen musste, das aber andererseits nicht in Blindenschrift verfügbar war – und das war damals fast alles. Um andererseits aber auch die Versorgung zu sichern, bewarb sich Wolfgang bei den Amerikanern, um in den Soldatenclubs zu spielen. Er bekam nicht nur den Job sondern wurde auch so etwas wie ein Maskottchen für die amerikanischen Gis, die dem musikalischen blinden jungen Mann in vielerlei Hinsicht behilflich waren. Verglichen mit vielen anderen Deutschen in dieser Zeit ging es ihm recht gut. Er brauchte keinen Hunger zu leiden und hörte im Radio die aktuellen US-Hits, die er dann bei seinen abendlichen Auftritten dann auch gleich selbst darbot.

 

Natürlich mutete er sich ein beträchtliches Pensum zu. Nach dem Abitur schloss sich das Studium an, was für ihn natürlich einen deutlich höheren Aufwand gedeutete als für einen Sehenden. Dazu kamen die musikalischen Auftritte. Aber Wolfgang Sauer biss sich durch. Doch als er bereits bei seiner Promotionsarbeit war, es ging um die Situation der Neger in den USA, gab er doch noch auf, da er keine Unterstützung mehr von zuhause bekommen konnte. Die Zeiten waren hart, außerdem realisierte er, dass es hinsichtlich der späteren Berufsaussichten recht trübe aussah.

 

Jetzt gab es zwei glückliche Entwicklungen in seinem Leben. Zum einen setzte er jetzt komplett auf die Musik als seine berufliche Zukunft, zum anderen kamen sich er und Gisela Pink privat näher. Zunächst war sie noch anderweitig verlobt, entlobte sich dann aber und ergriff schließlich die Initiative gegenüber dem zurückhandelnden Wolfgang Sauer.

 

Der Ablauf des Studiums und die Musiktätigkeiten entwickelten sich – mit wechselnder Intensität zunächst parallel, doch (auch) wegen der besseren finanziellen Möglichkeiten, wurde schließlich die ursprüngliche Nebenbeschäftigung zum Hauptberuf.

 

Wolfgang schloss sich zunächst der Wuppertaler No-Name-Band an, einem Jazzensemble aus lauter Amateuren. Das erste Konzert fand am 21. Mai 1950 im Wuppertaler Rathaussaal statt. Die Band hatte Erfolg, hatte weitere Auftritte in Jazzclubs und machte anschließend eine Tournee gemeinsam mit der Jeep-Combo, die aus fünf schwarzen Amerikanern bestand. Der Name deutet wohl darauf hin, dass sich diese Fünf wohl während der gemeinsamen Soldatenzeit zusammenfanden.

 

1952 machte Sauer endgültig die Musik zu seinem Hauptberuf. Mit einem Bartrio hatte Auftritte in Duisburg, Münster und Hamborn. Derlei Auftritte brachten ihm nicht nur Bühnenerfahrung sondern auch Kontakte zu anderen Personen in der Musikbranche.

 

Über einen Schallplattenhändler lernte Wolfgang Sauer den bekannten Will Glahé kennen, der mit seinen Polkaaufnahmen recht gut im Geschäft war. Glahé suchte jedoch keinen Pianisten, wohl aber einen Sänger. Da Sauer jedoch bei seinen Auftritten auch immer mehr selbst sang, hatte er sich auch in diesem Bereich zu einem kompetenten Interpreten entwickelt. Glahé erkannt dies durchaus, das Problem war nur das gänzlich unterschiedliche Repertoire dieser beiden Musiker – bei Sauer Jazz, bei Glahé volkstümliche Tanzstücke. Daher kam es noch nicht zu einer Zusammenarbeit.

 

Wolfgang Sauer erhielt durch Empfehlung von Friedel Berlipp dann aber das Angebot, in Köln zusammen mit dem Eilemann-Trio alle sechs Wochen Rundfunk-Aufnahmen zu machen. Als dann Will Glahé in Zürich neue Lieder aufnahmen sollte, der passende Sänger dazu aber noch fehlte, fiel die Wahl schließlich doch noch auf Wolfgang Sauer. Der fuhr also in die Schweiz und nahm zusammen mit Will Glahé und dessen Ensemble gleich acht Titel auf. Damit verdiente Sauer immerhin 800 Schweizer Franken. Doch trotz dieser sich abzeichnenden finanziell soliden Einnahmequelle, tendierte Sauer musikalisch weiterhin zu Jazz.

 

Am 13. Juni 1953 nahm er im Hamburger Funkhaus an einem Studio-Jazzkonzert teil. Seine Band hieß: Ebony Blue Five. Einige der damals bekanntesten Interpreten der deutschen Jazz-Szene wirkten ebenfalls bei diesem Konzert mit, etwa Albert Mangelsdorff, Hans Koller und Jutta Hipp, die im folgenden Jahr für eine (leider nur wenige Jahre andauernde) Karriere nach Amerika ging. Obwohl diese klangvollen Namen bei dem doch noch weitgehend unbekannten Wolfgang Sauer einige Ehrfurcht auslöste, bedeutete doch gerade dieses Konzert für ihn den Durchbruch – zumindest im Jazz-Bereich. Unter den zehn von ihm dargebotenen Titeln waren auch „Basin Street Blues“ und „Blue Prelude“. Danach wurde Sauer als der deutsche Jazz- und Bluessänger angesehen. Da es sich sowieso um eine Minderheitenmusik handelte, war das „exotische Element“ des Blindseins noch ein publizistisches Schmankerl obendrauf. Anschließend machte Wolfgang Sauer in Köln vier Aufnahmen mit Kurt Edelhagen und seinem Orchester.

 

1954 war dann das Jahr in dem sich alles überschlug. Wolfgang Sauer wurde zu einem richtigen Star. Schuld daran war „Glaube mir“. Die Melodie des Liedes hat eine eigene Geschichte. Da war zunächst 1952 eine Melodie des „Italien-Sehnsucht-Spezialisten“ Gerhard Winkler („Caprifischer“, „O mia bella Napoli“ u.v.a.), zu der Fred Rauch einen Text machte. Dieser lautete „Mütterlein“. Das Lied wurde nun sowohl von Leila Negra als auch von Rudi Schuricke aufgenommen. Die Polydor-Aufnahme von Schuricke wurde dann aber „Mutterlied“ genannt, wobei sich dieser Titelname aber nicht wirklich durchgesetzt hat. Beide Aufnahmen waren wurden ganz gut angenommen, waren aber keine wirklichen Hits. Leila Negra sang das Lied auch bei einer Skandinavien-Tournee. Ein Produzent in Schweden fand Gefallen an der Melodie und brachte sie wohl auch in Schweden heraus. Anschließend gab es eine Aufnahme auf dem englischen Markt, die auch in die dortige Hitparade gelangte (unter welchem Titel weiß ich jedoch nicht). Über England kam sie Melodie dann in die USA, wo man ihr einen religiösen englischen Text verpasste: „Answer Me, My Lord“. In dieser Form wurde die Nummer auch Nat King Cole angeboten, der zwar die Melodie mochte, aber zu diesem Zeitpunkt kein religiöses Lied singen wollte. Daraufhin wurde der Text „verweltlicht“ und ist seither als „Answer Me, My Love“ oder kurz „Answer Me“ bekannt. Die Aufnahme von Cole wurde ein Welthit und gelangte natürlich auch nach Deutschland. Daraufhin nahm sich Fred Rauch die Melodie noch einmal vor und schrieb einen neuen Text, der sich komplett von „Mütterlein“ unterschied. Und das war eben „Glaube mir“.

 

Die beiden Textfassungen „Mütterlein“ und „Answer Me, My Lord“ sind heutzutage nur noch selten zu hören. Allerdings hat Peter Alexander das Lied in der Mütterlein-Version 1969 für seine Muttertags-LP aufgenommen, und Engelbert Humperdinck  hat die „My Lord“-Fassung für seine 1995er CD „Love Unchained“ noch mal aus der Versenkung geholt. Ansonsten dominieren jedoch sowohl im deutschsprachigen wie auch im englischsprachigen Bereich die jeweils anderen Textfassungen.

 

„Glaube mir“ wurde zu einem der ganz großen Erfolge der fünfziger Jahre, zu einem Evergreens im wahrsten Sinne des Wortes. Wolfgang Sauer war nach der Aufnahme plötzlich jedem bekannt, der sich nur ein klein wenig für deutschsprachige Unterhaltungsmusik interessierte.

 

 

Das führte dazu, dass über ein zweites wichtiges Ereignis für Wolfgang Sauer im Jahr 1954 groß und ausgiebig berichtet wurde: Seine Hochzeit mit Gisela Pink 24. und 27. August (standesamtlich / kirchlich). Die kirchliche Trauung in der Kölner St. Bonifazius-Kirche wurde nicht nur zu einem groß aufgezogenem privaten Ereignis sondern auch zu einem wirklichen Medienereignis. Da durfte auch die weiße Hochzeitskutsche gezogen von zwei Schimmeln nicht fehlen.

 

Was danach kam, war hingegen eher wieder etwas ernüchternd. Zwar hatte sich Wolfgang Sauer eine anhaltende Bekanntheit erworben, aber in der beruflichen Entwicklung ging alles etwas zäh vonstatten. Da war einmal der plumpe Versuch, dass man aus Blindheit des Sängers Kapital schlagen und ihn auf eine mitleiderregende Tour mit ebensolchen schmachtenden Liedern festlegen wollte. Wolfgang Sauer hatte alle Mühe sich dagegen zu wehren. Lieder in den allzu offensichtlich Wörter wie „Augen“ oder „sehen“ vorkamen, lehnte er ab. Das bereits vor „Glaube mir“ aufgenommene „Du hast ja Tränen in den Augen“ war da eine Ausnahme.

 

Hinzu kam, dass die Entscheider im aufstrebenden neuen Medium Fernsehen eine regelrechte Scheu davor hatten, den behinderten Sänger in Unterhaltungssendungen zu präsentieren. Es gibt im Laufe der Jahre eine Reihe von Berichten, in denen sich Wolfgang Sauer darüber beklagt, dass es vom Fernsehen weitgehend links liegen gelassen würde.

 

In einem sehr frühen Bericht heißt, dass Sauer in den Nachbarstaaten Deutschlands sehr wohl Auftrittsmöglichkeiten im Fernsehen erhalten wurde, etwa in Holland, Belgien, Österreich und der Schweiz – und sogar in Kanada. Als Erklärung für sie deutsche Abstinenz wird ein Fernsehproduzent wie folgt zitiert: „Man kann doch dem Publikum keinen blinden Sänger zumuten…!“ Im Bericht folgt dann der herrliche Schlusssatz: „Was die Ausländer doch für rohe und gefühllose Burschen sind!“

 

Natürlich kam es dann doch im Laufe der Jahre zu einer Anzahl von Auftritten auch im deutschen Fernsehen, aber sie konnten sich hinsichtlich der Anzahl nicht mit denen vergleichbar bekannter Kollegen messen. Dadurch hatte er es natürlich schwerer als andere, seine Lieder populär zu machen. In einem Bericht in der Quick Nr. 3/1968 heißt es, es sei in neun Jahren nur viermal im deutschen zu sehen gewesen. Das ist in der Tat eine nicht zu begreifende Ignorierung. Dazu kam, dass für ihn aufgrund seiner Blindheit, Tourneen natürlich erheblich komplizierter waren als für seine sehenden Kollegen.

 

Das führte im Laufe der Jahre fast zwangsläufig zu einem Medium, das so etwas wie eine große Liebe über Jahrzehnte hinweg werden sollte: das Radio. Seine Plattenaufnahmen wurden natürlich von Anfang an im Radio gespielt, aber jetzt ging es um eine unmittelbare Radio-Tätigkeit als Moderator. Als Hineinschnuppern in diesen Themenbereich diente 1962 zunächst einmal eine Sendereihe von Radio Luxemburg mit dem Titel „Prominenz am Plattenteller“. Dabei hatten auch schon andere Kollegen mitgemacht. Sauer aber machte seine Sache aber offensichtlich so gut, dass er vom Sender das Angebot erhielt ihren Star-Moderator Camillo Felgen für sechs Wochen zu vertreten. Sauer nahm an – und es wurde ein beachtlicher Erfolg.

 

Das wiederum führte dann zum WDR, wo er ab November 1962 musikalische Radio-Moderationen machte. Bis in das Jahr 2007 (also 45 Jahre lang) war er dort in vielen Sendungen zu hören – zuletzt bei WDR 4. In seiner ganz großen Radio-Zeit arbeitete parallel für diverse Radio-Sender. Zu diesem Zweck ließ sich Wolfgang Sauer im Keller seines Hauses im Kölner Vorort Rodenkirchen ein Aufnahme-Studio einrichten. Das ermöglichte es ihm von zu Hause aus, also von einem Ort in dem er jeden Winkel kannte, seine Sendungen zu produzieren. Im Laufe der Jahre gab es diverse Reihen mit unterschiedlichen Namen, z.B. „Gut aufgelegt“, „ Mal sweet, mal Beat“, „Vier und ein Klavier“ oder „Wiederhören macht Freude“. Der Erfolg seiner Radio-Tätigkeit verschaffte ihm aber auch psychologische Sicherheit  einer stetigen Einkommensquelle – bei Künstlern jeder Art ist dies immer ein großes Problem. Die finanzielle Absicherung war jetzt auch besonders wichtig, denn im Januar 1963 wurde Familie Sauer durch die Geburt des Sohnes Ronald komplettiert.

 

Einen sehr schweren Einschnitt im Leben von Wolfgang Sauer gab es, als seine Frau Gisela an Brustkrebs erkrankte und schließlich im November 1988 starb. In der schweren Zeit danach stand ihm seine Jugendfreundin Ingeborg zur Seite. Schließlich heirateten die Beiden im Jahr 1990 während einer gemeinsamen Griechenland-Kreuzfahrt. Wolfgangs Sohn Ronald hatte nur wenige Woche vorher geheiratet.

 

Die beruflichen Tätigkeiten von Wolfgang Sauer reduzierten sich im Laufe der Jahrzehnte zwangsläufig. Sein letzter Hit war wohl „Tango für den Kommissar“ aus dem Jahr 1972 und vielleicht auch noch seine deutsche Fassung des Billy-Swan-Hits „I Can Help“, die bei Wolfgang Sauer „Ich bin da“ hieß“. Die letzte mir bekannte Plattenaufnahme kam 1998 zu seinem 70. Geburtstag auf den Markt. Im Zuge der Wiederveröffentlichungen von Platten gibt es mittlerweile – neben einigen Hitzusammenstellungen – auch einiges aus seiner Jazz-Ecke. Natürlich war auch hier Bear Family wieder mal ein Vorreiter.

 

 

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